Internationales Velomobile Meeting 2004

5. Internationales Velomobil-Meeting “Biebertal 2004“

von Jürgen Eick, Rüsselsheim

 Seit Jahren planen viele Velomobilisten in ihr Tourenprogramm einen Herbstermin fest ein: Das Internationale Velomobil-Meeting in Biebertal bei Gießen. Seit dem Jahr 2000 laden Reinhold Schwemmer, German Eslava und Rüdiger Licher von der Cab-Bike GmbH alljährlich am Herbstanfang Velomobilisten ins Alte Forsthaus ein. Mitten im Wald und nur über einen etwa 500 m langen steilen Forstweg von der Straße aus erreichbar, liegt es am Fuße des Dünsbergs, den einst ein großes keltisches Oppidum krönte. In dem dürften neueren Ausgrabungen zufolge vor der Zeitenwende etwa 2000 Einwohner gelebt haben. Dieser geschichtsträchtige Berg ist seit fünf Jahren der wohl beliebteste Velomobilisten-Treffpunkt in Deutschland.

Wir beide, Leitra-Fahrer Michael aus Bad Homburg und ich, waren die letzten, als wir am 1. Oktober gegen 19.30 Uhr nach 120 Kilometern bei herrlichem Frühherbstwetter das Forsthaus am Dünsberg erreichten. Dort tauschten die anderen Teilnehmer bereits ihre Erfahrungen bei der Herfahrt aus. 31 Velomobilisten hatten sich in diesem Jahr versammelt. Die größte Gruppe war wieder aus den Niederlanden gekommen. Von den Bergen fast magnetisch angezogen, hatten sie wie schon im Vorjahr eine Route gewählt, die es in sich hat. Mitten durchs Rothaargebirge, über Winterberg (670 m) waren sie gefahren. Da der gleiche Weg für die Rückfahrt geplant war, hatten sie am letzten Übernachtungsort ihre Zelte auf einem Campingplatz stehen gelassen, um auf der harten Bergetappe nach Biebertal nur das Nötigste an Ausrüstung mitschleppen zu müssen.

 Joachim aus Neckarsulm (Cab-Bike) und Gerd aus Guntersblum (Leitra) waren morgens gleichzeitig mit uns in Rüsselsheim losgefahren, hatten aber den Weg übers „Rote Kreuz“ (690 m) im Taunus und durchs Weiltal hinunter an die Lahn gewählt, während Michael und ich den Weg östlich um den Taunus herum durchs Niddatal vorgezogen hatten. Auf dem Platz zwischen Altem Forsthaus und Scheune standen kreuz und quer 13 Quests (<www.velomobiel.nl>), 10 Cab-Bikes (<www.cab-bike.com>), 3 Leitras (<www.leitra.dk>), 2 Leibas (<www.leiba.de>), 2 Mangos (<www.velomobiel.nl>) und 1 Alleweder (<www.alleweder.de>).

Aus Gelnhausen war Peter in seinem Cab-Bike gekommen. Er fährt damit jeden Morgen 25 km zur Arbeit und muss abends bis zu seiner Wohnung einen zwar nur kurzen, aber mit 20% äußerst steilen Berg hinauf fahren. Dafür hat er sich die von Cab-Bike neu entwickelte “Powerbox“ zugelegt, einen einrädrigen Schubanhänger mit Elektromotor, der 250 W auf die Straße bringt und aus NiMh-Akkus gespeist wird. Die “Powerbox“ ist in flachem Gelände im Leerlauf leicht zu ziehen und kann einfach abgekuppelt werden, wenn man mit dem Velomobil auf eine ausgedehnte Tour mit längeren Etappen gehen will und keine Möglichkeit hat, jederzeit die Akkus nachzuladen.

 

Am Samstag versammelten sich die Teilnehmer morgens auf einem Parkplatz am Fuße des Dünsbergs zum inzwischen schon traditionellen Velomobil-Corso (die Autofahrer fuhren geduldig hinter dem Velomobil-Lindwurm her) nach Gießen, wo die Velomobile, malerisch in der Fußgängerzone gruppiert, das übliche Aufsehen erregten.

Durch einen Vertreter des Magistrats wurden wir um zwölf Uhr im Museum der Stadt empfangen, wo wir mit einem zweiten Frühstück verwöhnt wurden, das Margitta Hoffmann, Reinholds Frau, unterstützt von ihren Helferinnen, mit der ihr eigenen Perfektion vorbereitet hatte. Vom Turm der Giessener Stadtkirche konnten wir danach einen Blick aus der Vogelperspektive auf unser Velomobilaufgebot werfen, bevor es in gemütlicher Fahrt zurück zum Dünsberg ging.

Bis auf eine kleine Mitfahrerin, die dabei ihren Mittagsschlaf nachholen konnte, fühlten sich die meisten noch stark genug für das obligate Bergrennen.

 

Zu dessen Startpunkt führte uns Reinhold über eine 2,4 Kilometer lange sehr holprige Schotterstrecke. Die Rennstrecke selbst war aber ein glatt geteerter Wirtschaftsweg hinterm Dünsberg von 1230 m Länge und 60 m Höhenunterschied (also durchschnittlich 4,9% Steigung). 24 Teilnehmer nahmen an dem Bergrennen teil, das Ymte Sijbrandij (Quest) mit 3 Min 12 sec vor seinem Firmenteilhaber Allert Jacobs (Quest) mit 3 Min 27 sec und einem weiteren Quest-Fahrer (Niels Vogel mit 3 Min 30 sec) gewann.

 

Auf dem gleichen Schotterweg wie auf der Herfahrt mussten wir auch wieder zum Forsthaus zurück. Anschließend fanden wir endlich Zeit für die Vorträge, die zum festen Programm des Velomobil-Meetings Biebertal gehören.

Zuerst berichtete German Eslava über die EU-Bestrebungen, die Vorschriften für Fahrräder unter anderem über Lichtanlagen zu harmonisieren. Wie er sagte, hat ausgerechnet die Bundesrepublik Deutschland eine Vereinheitlichung der Fahrradbeleuchtung weitgehend blockiert. So gibt es z. B. vorerst keine offizielle Zulassung für blinkende Rücklichter. Außerdem beharren die deutschen Vertreter nach wie vor darauf, in der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVZO) den Dynamo als Stromlieferanten für die Beleuchtung vorzuschreiben im Gegensatz zu den anderen europäischen Vertreter.

 Im zweiten Vortrag berichtete Ymte Sijbrandij, einer der Teilhaber von J&S (Hersteller von Quest und Mango), über Ausrollversuche mit unterschiedlichen Reifen der Größe 406 mm an einem extra hierfür gebauten dreirädrigen Versuchsfahrzeug. Abgesehen davon, dass J&S Mühe und Kosten nicht gescheut hat, sich jeweils drei Reifen von dreizehn unterschiedlichen Typen für diese Versuche zu beschaffen, dürfte auch der Aufwand für die Versuche selbst beachtlich gewesen sein. Mit Genehmigung von J&S wird die Übersetzung der in Englisch gehaltenen Versuchsergebnisse hiermit veröffentlich (siehe Tabelle), wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass J&S die Ergebnisse auf hartem glattem Boden gewonnen hat und im übrigen keinerlei rechtliche Gewährleistung übernimmt.

 (DOWNLOAD Tabelle)

Ymte hatte für eine längere Tour durch die baltischen Länder ein Quest so umgebaut, dass 26-Zoll-Räder hinein passen. Allerdings musste er hierfür die Seitenwand der Verkleidung aufschneiden, die. beim Quest normalerweise die Räder verdeckt. Er hat dann Reifen vom Typ Schwalbe Big Apple aufgezogen und damit nach seinen Worten die großenteils schlechten Straßen gut bewältigt.

 

Zum dritten Vortrag war ein Münchner Ingenieur eingeladen worden, der einen von ihm ausgedachten Liegeradantrieb vorstellte, der mehr oder weniger auf einen Linearantrieb hinaus lief. Wie so oft bei Erfindern, die keine funktionierenden Systeme bzw. Modelle, sondern nur Skizzen vorstellen, war im Zuhörerkreis eine deutliche Zurückhaltung zu spüren. Die Ansicht, dass der mittlerweile seit weit über hundert Jahren bewährte Kurbelantrieb hinsichtlich seiner Effizienz wohl kaum zu überbieten sei, schien bei fast allen Zuhörern doch zu überwiegen.

 Danach gab es zum Ausgleich und zur Erholung ein ausgezeichnetes Abend-Büfett, das Reinholds Frau und die Frau seines Teilhabers Rüdiger Licher zusammengestellt hatten. Der Abend danach dauerte für einige ziemlich lang. Wie am nächsten Morgen zu hören war, sollen sich die Diskussionen über Velomobile noch bis sehr weit nach Mitternacht hingezogen haben.

 Auch am Sonntag herrschte wieder prächtiges Wetter. Nach dem Frühstück verabschiedeten sich die Niederländer als Erste. Sie wollten wieder versuchen, in zwei Tagen ihr Heimatland zu erreichen. Die anderen, die nicht so weit entfernt wohnten, führten in aller Ruhe die am Abend davor angefangenen Fachgespräche zu Ende, bevor auch sie sich auf den Heimweg machten.

Biebertal 2004 hatte wieder einmal alle Erwartungen erfüllt.

 

Velomobil-Meeting 2004 "Highlights"

Ladies first:

Margitta & Anja

Maritta   cycled from Holland to Biebertal

 

Papa / Dad:

Joachim

     Gerno

Leiba:

New Look

USA:

Bryan Ball

Relax:

Power Box: