Biebertal, 21.-23.09.2007
von Martin Keller
Im Vorfeld des Velomobilmeetings reifte in mir der Gedanke, nicht auf direktem Weg aus dem Augsburger Raum nach Biebertal anzureisen, sondern einen „kleinen“ Umweg über Dronten einzubauen. Zum einen wollte ich immer schon mal wissen, wo mein Quest geboren wurde und seine Väter kennenlernen, zum anderen hatte ich immer wieder Schaltungsprobleme, denen ich nicht auf die Schliche kam. Und als kleines Schmankerl konnte ich so zur Karawane der fliegenden Holländer stoßen, die jedes Jahr im Konvoi nach Biebertal anreisen. Um es kurz zu machen, es war für mich ein großes Erlebnis und ich kann einen Radurlaub mit dem Velomobil nur Jedem ans Herz legen.

12.09.07: Quest vor der Abfahrt mit Reisegepäck. Foto: Martin Keller
Meine Strecke führte mich am ersten Tag aus der Augsburger Region in die Nähe von Göppingen wo mein Vater wohnt. Recht lockere 150km, nach denen ich noch fit genug war, meinem Vater ein paar Stunden lang beim Bau einer Holzhütte zu helfen. Der zweite Tag war ein „Ruhetag“, den ich wiederum mit Hüttenbau und Dachdecken verbrachte. Dann ging’s richtig los. War es Selbstüberschätzung? Jedenfalls wollte ich an einem Tag zu meiner Mutter radeln, die in der Nähe von Hammelburg wohnt, etwa 280km zu radeln. Nachmittags um halb vier hatte ich gerade mal 110km geschafft. Die Strecke war wirklich ungut fürs Velomobil. Die Flüsse liefen einfach in die falsche Richtung, so dass ich ständig gezwungen war, die Gefälle runterzubremsen und auf der anderen Seite mit vollem Gepäck wieder hochzustrampeln. Da wird ein Velomobil ganz schön schwer. Auch musste ich feststellen, dass nicht jede kleine Landstraße, die entlang eines Flusses verläuft, deshalb unbedingt eben sein muss. Mehrmals hing ich an 15%-Steigungen und war nur erstaunt, dass ich überhaupt dort hochkam. Aber ich hatte schließlich inzwischen ein Jahr Velomobiltraining mit einigen Tausend Kilometern hinter mir. Untrainiert wäre ich sicher verzweifelt. Am Nachmittag ging’s dann hinunter ins Taubertal und von dort aus dann immer am Main entlang. Teilweise dachte ich, ich fliege. Geschwindigkeiten in der Ebene von über 40km/h auf glattem Asphalt führen irgendwann dazu, dass der Kopf komplett abschaltet und man nur noch Tretmaschine ist. Ein enormes Glücksgefühl stellt sich ein. Allerdings meldeten sich dann irgendwann auch meine Fußsohlen und ich musste spätestens alle Stunde mal wieder für einige Minuten Pause machen und meinen Füßen eine Erholung gönnen. Etwa 20km vor dem Ziel ging dann nichts mehr, ich brauchte erstmal eine Pause mit schönen salzigen Pommes und literweise Apfelschorle. Danach war ich wieder auf dem Damm und radelte die restlichen Kilometer in aller Ruhe zu Ende.
Der nächste Morgen: Ich war erstaunt, dass mir nichts weh tat und ich keinen Muskelkater hatte. Ich fühlte mich nach wenigen Stunden Schlaf richtig ausgeruht. Zum Glück. Denn ich stand am Tor zur Rhön. Und die hat es in sich. Mit 8km/h und weniger gings die Steigungen hoch. Bergab war’s so steil und kurvig, dass ich das Quest nicht laufen lassen konnte und die reingesteckte Energie wieder verbremsen musste. Dort kann man Geduld lernen. Nach vier Stunden reiner Fahrzeit hatte ich gerade mal 60km auf dem Tacho. Mehrmals musste ich am Gefälle anhalten und die Bremsen abkühlen lassen, da sie heißgebremst Fading aufweisen und sich der Bremsweg extrem verlängert. So gut und alltagstauglich Trommelbremsen auch sein mögen, hier stoßen sie an ihre Grenzen. Die Nacht verbrachte ich schlafend wie ein Stein in der Jugendherberge in Rotenburg a.d. Fulda, wo mein Quest bei meiner Ankunft von der anwesenden Jugend eingehend betrachtet wurde.
14.09.2007: Bremsenabkühlpause am frühen Morgen bei der Abfahrt vom Hornberg (Schwäbische Alb). Foto: Martin Keller.
Der nächste Tag begann mit dicker Nebelsuppe. Diese schluckt alle Geräusche und so ist es durchaus auch ein Erlebnis, in dieser tiefen Ruhe unterwegs zu sein. Die Strecke führte am Edersee entlang in Richtung Erwitte, wo ich einen Bekannten treffen wollte, um seinen Elektro-Golf probezufahren. Kurz vorher wurde ich jedoch in Geseke von der Polizei angehalten, denn ich war leicht bergauf „nur“ mit ca. 30km/h unterwegs gewesen und der Polizist meinte, ich müsste den Radweg benutzen. Mein Quest steht aber zu Radwegen wie der Teufel zum Weihwasser und so meide ich sie, wo immer ich nur kann. Nach einigem Briefwechsel wurde kurz vor Weihnachten dann auch das Bußgeldverfahren eingestellt. Nach Elektro-Golf Probefahrt und Kaffeepause ging’s dann noch im Endspurt durch die platte Pampa nach Hilter bei Osnabrück, wo ich ebenfalls Verwandschaft habe.
Das schöne Wetter schien sich dem Ende zuzuneigen. Dichte Wolken trieben über den Morgenhimmel. Aber wozu hat man ein Velomobil? Erstaunlicherweise blieb es den ganzen Vormittag trocken und erst 10 Minuten nach dem Grenzübertritt in die Niederlande fing der Regen an. Der Schaumdeckel des Quests hält auch stärkeren Regen gut ab, lediglich der Kopf muss (sofern man wie ich wenig behaart durchs Leben schreitet) eingepackt werden, damit er nicht auskühlt. Nur, großes Erstaunen, schon an der allerersten Landstraße prangt ein großes Durchfahrt-für-Fahrräder-verboten-Schild. Meine ganze Routenplanung war darauf ausgelegt, dass ich mich auf der Landstraße von Stadt zu Stadt hangeln kann. Ob das auf niederländischen Radwegen auch funktioniert? Es funktioniert ganz passabel und die Radwege dort sind nicht zu vergleichen mit deutschen Radwegen. Wesentlich breiter und nicht mal eben irgendwo hingedrückt, wo noch Platz war. Allerdings laufen auch hier Fußgänger unbefangen über den Radweg, teilweise sind scharfe Kurven zu umfahren und die Oberfläche ist oftmals nicht unbedingt angenehm, wenn man gewohnt ist, den Kopf hinten anzulehnen. Ein paar Mal verfuhr ich mich, denn auch hier ist die Ausschilderung nicht immer vorhanden, aber schließlich fand ich mich nach Einbruch der Dunkelheit in Ymtes Küche wider, bekam ein leckeres Abendessen, eine schöne Dusche und ein Bett, in dem ich bald in tiefen Schlummer fiel.

18.09.2007: Ymte mit Tochter auf dem Weg in den Kindergarten. Foto: Martin Keller.
Nun hatte ich zwei Tage lang Gelegenheit, mein Rad unter Aufsicht auseinanderzunehmen. Dabei stellte sich heraus, dass sich ein Lager der Hinterachse gelöst hatte, wodurch das ganze System Spiel hatte und meine Schaltung ein Eigenleben entwickelte. Das konnten wir reparieren und es findet sich auch sonst immer was zu basteln, so dass ich die zwei Tage über beschäftigt war.

19.09.2007: Theo in der Velomobiel-Werkstatt. Foto: Martin Keller.
Bei der Abfahrt Richtung Biebertal waren wir zu Beginn zu viert. Ymte hatte sich sicher 20kg Äpfel sowie Zutaten fürs gemeinsame Abendessen ins Quest geladen, fuhr aber trotzdem so einen heißen Reifen, dass ich kaum hinterher kam. Allert hatte seinen Spezial-Quest-Helm tief ins Gesicht gezogen und lies nur einen schmalen Sichtschlitz zwischen Schaumdeckel und Helm frei.

19.09.2007: Allert ganz strömungsgünstig mit dem Quest verwachsen. Foto: Martin Keller.
Im Geschwadertiefflug schossen wir über die niederländischen Radwege. Nach jeder scharfen Kurve (und davon gab es einige) durfte ich wieder richtig reintreten, um die entstandene Lücke aufzufüllen. Schließlich kamen wir in Winterswijk an und trafen dort auf einen ganzen Vorplatz voller Velomobile. Von hier aus sollte am nächsten Morgen der Konvoi starten. Es gab ein großes gemeinsames Abendessen, das ein oder andere Bierchen inclusive Fachsimpelei am Abend, bis jeder sich einen Platz auf dem Fußboden suchte und in seinen Schlafsack krabbelte.

19.09.07 Ymte in Winterswijk auf dem neuen Prototypen eines vierrädrigen Velomobils.
Mark Burgers hatte eine neue Route ausgearbeitet, auf der eine Schlange von knapp 30 Velomobilen sich nach Biebertal durchschlagen sollte, ohne auf den Landstraßen ein mittleres Verkehrschaos zu hinterlassen. Im großen und ganzen funktionierte das auch ganz gut, auch wenn wir Hinterherfahrer uns immer wieder wunderten, wo es denn hingehen sollte, wenn die vor einem Fahrenden mal wieder in einem unscheinbaren Loch einer Hecke verschwanden. Aber der Weg führte uns tatsächlich immer weiter unserem Ziel zu.

20.09.2007 Abfahrt des Konvois in Winterswijk. Foto: Martin Keller.
Landschaftlich war die Strecke sicher eine der schönsten, die man sich in dieser Gegend vorstellen kann. Eine lange Zeit ging es am Kanal entlang, ganz ohne Verkehrslärm, allerdings auch auf teilweise mäßig velomobiltauglicher Oberfläche.

20.09.2007 Pinkelpause. Foto: Martin Keller.
Einen interessanten Zwischenstop legten wir in Waltrop ein. Wir besichtigten die Produktionsstätten von Hase-Spezialräder, die in einem faszinierenden alten Zechengebäude untergebracht sind und bekamen eine Führung vom Chef persönlich.
20.09.2007 Ankunft bei Hase Spezialräder Foto: Wim Schermer

20.09.2007 Die Fertigungshalle von Hase Spezialräder Foto: Wim Schermer
Bei der Weiterfahrt verstopften wir in einem Dorf eine Straße, als es den Berg hinaufging und unser Konvoi seeehr langsam vorankam. Ein freundlicher Polizist überholte uns und überzeugte uns, doch besser in kleineren Gruppen weiterzufahren, um den Autos das Überholen zu ermöglichen. So teilten wir uns in drei Gruppen und fuhren zeitlich gestaffelt weiter.

11: 20.09.2007 Polizeieinsatz wegen Zu-Langsam-Fahrens. Foto: Wim Schermer
Wir übernachteten in Hütten auf einem Campingplatz am Sorpesee. Während die einen duschten, nahmen die ganz Hartgesottenen ein erfrischendes Bad im See.
Am Freitag starteten wir gleich in drei Gruppen um möglichst keine Kollateralschäden zu hinterlassen. An diesem Tag lernten wir, dass auch ein Offroad-Einsatz mit Quests durchaus machbar ist, wenngleich es teilweise mit Fluchen der Fahrer verbunden war.
21.09.2007 Mittagspause. Foto: Kees van de Wetering
Beim Aufstieg ins Rothaargebirge trafen wir auf eine rasende Reporterin, die ganz happy war, dass es in der Region mal etwas zu berichten gab und so durfte ich das erste Presse-Interview meines Lebens geben. Ich habe gesehen, dass durchaus Interesse seitens der Zeitungen besteht, über Velomobile zu berichten, das sollten wir bei künftigen Veranstaltungen im Hinterkopf behalten und die Presse einladen. Sicherlich gibt es viele Menschen, die sich für eine alternative Form der Mobilität interessieren, aber einfach noch nie mit Velomobilen in Berührung gekommen sind.

14: 21.09.2007 Ein kurzes Interview zwischendurch. Foto: Kees van de Wetering
Aber zurück zur Tour: Am Anfang wurden Schlammlöcher und Pfützen noch brav umfahren, am Ende kannte aber keiner mehr Gnade mit seinem armen Asphaltrenner und fuhr quer durch die vor uns ausgebreiteten Verkehrsverhinderungsobjekte. Der Höhepunkt waren die letzten zwei Kilometer zum Forsthaus. Hier war der Waldweg durch vorangegangene Unwetter regelrecht weggespült und bis zu 20cm tiefe Rinnen machten ihn zu einer velomobilen Hölle.

15: 21.09.2007 Offroad-Einlage Foto: Martin Keller.
Aber auch das war machbar, zumindest waren am Freitag Abend alle im Forsthaus Biebertal angekommen und es wurde inmitten einer Masse an Velomobilen, die in ihren bunten Farben an eine ausgeschüttete Tüte Smarties erinnerten, geratscht, diskutiert und die neuesten „Upgrades“ vorgestellt.

22.09.2007 Der Velomobilparkplatz am Forsthaus. Foto: Martin Keller.

22.09.2007 Der Velomobilparkplatz am Forsthaus. Foto: Martin Keller.
Am Samstag während des Velomobiltreffens steht traditionell eine Ausfahrt mit den Velomobilen auf dem Programm. Vor der Abfahrt war Volkszählung angesagt: Dieses Jahr waren auf dem Treffen: 17 Quests, 6 Mangos, 4 Cab-Bikes, 4 Go-Ones, 3 Cab-Bike Speedster, 3 Leitras, ein C-Alleweder, eine Leiba Briese, ein Milan und ein Waw. Außerdem kamen einige Teilnehmer mit Falt- und (zum Teil selbstgebauten) Liegerädern. Schon vor der Abfahrt standen überall kleine Grüppchen um die Fahrzeuge herum und schauten sich die neuesten Basteleien und Verbesserungen an, die die einzelnen Besitzer während des letzten Jahres umgesetzt hatten.

22.09.2007 Ausfahrt: Hier sieht man sehr schön, wie niedrig der Milan (mitte) tatsächlich ist. Cab-Bike (links), Leiba Briese (rechts). Foto: Martin Keller.
Ging die Ausfahrt die Jahre zuvor immer ins Zentrum von Gießen, fuhren wir in diesem Jahr etwas weiter nach Marburg. Es ging über kleine asphaltierte und wenig befahrene Sträßchen durch Wald und an Feldern vorbei. Während einer Abfahrt durch den Wald ist es dann passiert. Natürlich bremst kein Velomobilfahrer unnötig und genießt es, in voller Fahrt den Berg hinunterzufahren. Aber muss man das auch während einer Testfahrt mit einem Vorführfahrzeug eines Herstellers machen, auf dem man gerade erst einige Kilometer Erfahrung hat? Der Rekonstruktion der Ereignisse nach bremste wohl die Leiba Briese, was dem Fahrer des Test-Speedsters zu spät auffiel. Er bremste stark und wich aus, berührte die Leiba Briese aber noch kurz am Heck. Dieses seitliche Moment reichte wohl aus, dass das Speedster in die Luft geschleudert wurde, sich überschlug und schließlich liegen blieb. Dem Fahrer ist bis auf einen Schock und einige kleinere Schrammen nichts passiert. Ein Glück, dass von Cab-Bike in dieses Testfahrzeug ein Kohlefaser-Überrollbügel einlaminiert wurde. Er war zwar zum Teil gebrochen, hatte aber den Schlag abgefangen, der sonst direkt auf den Kopf des Fahrers gewirkt hätte. Dieser Vorfall bestätigte mir, dass ein Überrollschutz bei einem Velomobil ein unverzichtbarer Bestandteil ist, der dem Fahrer das Leben retten kann. Die rundliche Form unserer Velomobile fördert ein Überrollen, der Kopf des Fahrers darf daher nicht ungeschützt herausstehen. Ich kann nur alle Hersteller auffordern, ihre Kopf-Draußen-Fahrzeuge zu überdenken und künftig nur noch Velomobile mit Überrollschutz anzubieten. Man kann dies ja wie bei Quest, Milan oder Leiba x-stream mit einer aerodynamischen Kopfverkleidung verbinden, die zusätzlich noch den Luftwiderstand senkt und einfach gut aussieht. Ein weiterer wichtiger Faktor, der mit zu diesem Unfall geführt hat, ist das Fehlen eines Bremslichts bei den allermeisten Velomobilen. Natürlich ist es für Fahrräder nicht vorgeschrieben, ich weiß nicht einmal, ob es rein rechtlich erlaubt ist, auf jeden Fall aber sorgt es dafür, dass dem nachfolgenden Verkehr ein Abbremsen ohne Zeitverlust angezeigt wird. Ein Bremslicht sollte daher zumindest als Zusatzausstattung erhältlich sein.

22.09.2007 Ausfahrt: Das Cab-Bike Speedster kurz vor dem Crash…(Foto: M. Keller)

…… und hinterher. Der Deckel hält mehr aus als ich dachte. Foto: M. Keller.
(Bemerk. der Redaktion: der Testfahrer John Kuljis will für den Schaden nichts zahlen. Vor Testfahrten sollten Haftungserklärung unterschreiben werden.)
Nachdem das beschädigte Cab Bike Speedster und sein Fahrer mit immer noch weichen Knien in einem Transporter nach Marburg gebracht wurden, fuhr unsere Kolonne weiter.

22.09.07 Ausfahrt: Ein Velomobilwurm zieht sich durch die Landschaft.Foto:M. Keller
In Marburg parkten wir auf einem zentralen Platz, hatten Gelegenheit miteinander und mit einigen Interessenten aus dem Velomobilforum zu reden und auf die interessierten Fragen von Einheimischen zu antworten.

22.09.2007 Ausfahrt: Der “Regentest” in Marburg. Foto: Martin Keller.

22.09.2007 Ausfahrt: Black is beautiful. Die roten Reflektorstreifen machen sich sehr gut. Foto: Martin Keller.
Zurück ging es dann über eine andere, teilweise unasphaltierte Strecke, um schließlich zwei oder drei Kilometer vor dem Forsthaus am Startpunkt des legendären Bergrennens anzukommen. Eigentlich ist es ja eine lustige Idee, ein Velomobilrennen auf einer Strecke durchzuführen, die für Velomobile so ungünstig verläuft: Zuerst die Straße entlang bergauf und dann abzweigend in einen Waldweg über Schotter relativ steil bergauf. Diese Strecke verhindert aber hohe Geschwindigkeiten und so siegt nicht der, der zuletzt bremst, sondern der, der am heftigsten in die Pedale tritt. Das war in diesem Jahr Arjen van Dam. Der Preis für seinen Sieg: Er durfte am Abend die Torte in Form eines Cab-Bikes (ein neues Modell in Delta-Anordnung?) anschneiden

22.09.2007 Die Cab-Bike Torte in voller Pracht. Foto: Martin Keller.

22.09.2007 Arjen beim Anschneiden der Torte. Foto: Martin Keller.
Unterbrochen vom Abendessen fand eine Diskussionsrunde zu verschiedenen Themen statt. Unter anderem wurde diskutiert, wie eine sinnvolle Velomobil-Beleuchtung auszusehen habe. Es war für mich sehr erstaunlich, wie unterschiedlich die Anforderungen der einzelnen Fahrer sind. Die Extremfälle sind dabei wohl Hans Wessels, der sich mit 5W Halogen bei weitem ausreichend beleuchtet sieht und ich, der ich meine Beleuchtung inzwischen auf einen Motorradscheinwerfer mit 24W HID, sowie einen 10W LED Fernlicht aufgebohrt habe und damit nun recht zufrieden bin. Zumindest ist festzustellen, dass sich auf dem Lichtsektor einiges tut, wenn auch der deutsche Gesetzgeber bisher nicht darauf reagiert hat und man sich als Velomobilfahrer entscheiden muss, ob man etwas sehen möchte oder lieber gesetzeskonform durch die Gegend fährt. Hans Wessels erzählte auch über seine Erfahrungen bei Paris-Brest-Paris, 1200 Kilometer am Stück, eine für mich unglaubliche Leistung.

22.09.2007 Diskussionsrunde am Abend. Foto: Wim Schermer
Paulus de Boer zeigte der versammelten Mannschaft seine neuesten „Pimp-my-Quest“-Projekte: Aerodynamische Spiegelverkleidungen, die blinken, Vogelgezwitschere als Klingel, ein mit der Position der Lenkstange gekoppelter Hauptschalter für die Bordelektrik und natürlich die aufwendige Herstellung seines 3D-Designs des „Quesjer“ (sprich Quescher), das rundum mit einem Vogelschwarm aus der Hand von M.C. Escher überzogen ist.

21.09.2007 Paulus im „Quesjer“. Foto: Martin Keller.
Der Sonntag morgen begann für einige sehr früh: Matthias und Baulchen starteten vor Sonnenaufgang mit ihren Quests, denn sie wollten die über 400km nach Urach bzw. Augsburg an einem Tag fahren. Ich ließ mir mehr Zeit und startete mit Peter Noll. Wir fuhren frei Schnauze aber ohne größere Umwege zuerst nach Gelnhausen, wo wir uns trennten. Noch immer war uns das Wetter hold und die Sonne begleitete uns die ganze Zeit. Peter zeigte mir die Zufahrt zum Kinzig-Radweg, einem schönen breiten, nicht zu holperigen nahezu ebenen Weitwander-Radweg. Die vielen scharfen Kurven, die vielen Sonntagsausflügler und der nicht ganz ebene Belag, der mich ständig daran hinderte, meinen Kopf hinten anzulehnen, ließen mich dann aber doch recht zeitig wieder auf die Straße flüchten. Vom Kinzigtal ging es über das Sinntal an den Main, wo ich am Abend ziemlich platt in Würzburg ankam. Die kleineren Unterkünfte hatten alle schon geschlossen, bayerische Jugendherbergen nehmen keine Einzelwanderer in meinem Alter auf und ich wollte einfach eine Dusche und ein schönes Bett haben. So ließ ich mich auf eine Hotelkette ein, durfte sogar das Quest im(!) Eingangsbereich parken und schlummerte wenig später.
22.09.07 Ausfahrt: Ymte und Baulchen diskutieren im Velomobilstau. Foto: M. Keller
Der nächste Morgen begann mit richtig dicker Nebelsuppe. Ich fand ziemlich schnell die kleine Landstraße, die mich aus der Stadt herausführte und tastete mich durch den Nebel. Hier war ich zum ersten Mal über meine Nebelschlussleuchten sehr froh, die mich rechtzeitig den (für die Sichtverhältnisse oftmals etwas zu schnell fahrenden) Autos anzeigten. Kurz vor Ochsenfurt verließ ich den Main und fuhr Richtung Taubertal. Der Oberlauf der Tauber ist ja wunderschön, aber wieso schaffen es Straßenplaner nicht, eine Straße in einem Tal einigermaßen eben zu verlegen? In jede Ortschaft ging es den Berg hinunter, dort musste runtergebremst und um die Kurve gefahren werden, um am Ortsende wieder steil bergan zu steigen. Solche Straßen können einen mit einem beladenen Velomobil mürbe machen. In Rothenburg starrten mich ganze Busladungen von Touristen an. Es muss wirklich schlimm sein, in dieser Stadt wie in einem Zoo zu leben. In Feuchtwangen war die Frankenhöhe bezwungen und es ging ständig leicht bergab. Da der Spaß beim Velomobilfahren linear mit der Geschwindigkeit zusammenhängt, konnte ich jetzt viele Kilometer so richtig genießen. Wassertrüdingen und Oettingen flogen nur so vorbei. Dann aber fühlte ich mich plötzlich schwach und musste eine Pause einlegen, während der ich merkte, dass ich ganz schnell ein Gebüsch aufsuchen musste. Also wieder rein ins Quest, weg von der Straße und ins Gebüsch, wo ich mit zittrigen Beinen gerade noch rechtzeitig ankam. Ich würde doch jetzt wohl nicht krank werden, 100km von daheim entfernt? Glücklicherweise war dem nicht so. Irgendwas war nicht in Ordnung gewesen, aber nachdem der Magen sich geleert hatte und ich eine ausgedehnte Pause eingelegt hatte, war alles wieder einigermaßen in Ordnung und ich konnte weiterradeln. Für die Strecke Harburg-Donauwörth muss ich mir noch eine andere Alternative überlegen. Die B25 macht nicht wirklich viel Spaß, es sind viele LKW unterwegs und die Straße ist nicht sehr breit. Als ich am Tunnel in Harburg ankam, stand dort ein hässliches „Radfahrer-verboten“-Schild. Allerdings ging der für Radfahrer vorgesehene Weg extrem steil aufwärts und in der falschen Richtung weiter. Und ich wollte doch nur abwährts zur Donau. Also Augen zu und durch. Der Tunnel ist kein Problem, es geht bergab und mit 70km/h stelle ich für niemanden eine Gefahr oder Behinderung dar. Aber danach wieder in der Ebene mit viel zu enger Straße, LKWs hinter mir, die nicht überholen können, das ist wirklich nur Stress und kein Spaß mehr. Also nichts wie runter von dieser Straße. Eine kleine Landstraße führt ja ebenfalls direkt nach Donauwörth. Was meine Karte nicht deutlich zeigte: Man muss keine Kurven in steil ansteigende und abfallende Straßen bauen. Extrem steil kroch ich den Berg hinauf, um bei der Abfahrt wieder meine Bremsen zum Glühen zu bringen. Endlich im Lechtal angekommen fühlte ich mich so gut wie zu hause. Aber was war das? Am Horizont zog eine schwarze Wand auf, aus der immer wieder Blitze zuckten. Je näher ich an zu hause kam, umso näher kam die Gewitterfront. Als ich endlich mein Rad ausgeladen und abgestellt hatte, blies mir schon der Wind ums Gesicht. Der große Knall blieb aber aus, wir blieben vom Gewitter verschont.
Alles in allem war es eine wunderschöne Tour mit tollen Erfahrungen, mit vielen netten Menschen, die ich treffen durfte. Und zum Wetter kann ich nur sagen: Wenn Engel reisen… Velomobile sind für Radreisen bestens geeignet. Lediglich die sich bei Abfahrten leicht überhitzenden Trommelbremsen sind für Reisen mit Gepäck doch etwas schwachbrüstig. Aber hier habe ich mir über die Sammelbestellung von Elmi inzwischen Bremsschirme schneidern lassen, die dieses Problem aus der Welt schaffen sollten. Die bequeme Sitzposition, die Unabhängigkeit vom Wetter und das schnelle Vorankommen machen Radreisen mit dem Velomobil zum unvergesslichen Erlebnis.

22.09.2007 Musterstück eines Bremsfallschirms. Foto: Martin Keller
Martin Keller