Internationales Velomobile Meeting 2005

6. Internationales Velomobil-Meeting “Biebertal 2005“

von Jürgen Eick, Rüsselsheim

Rekordbeteiligung beim diesjährigen Treffen der Velomobilisten vom 23. bis 25. September 2005 im Alten Forsthaus am Dünsberg in der Nähe von Gießen (Bild 1). Wie in jedem Jahr stellten die Niederländer(innen) wieder die größte Gruppe. Die Hersteller von Quest und Mango (<velomobiel.nl>) haben inzwischen die Anreise gut organisiert. Orientierungsprobleme haben sie nicht, weil sie seit einigen Jahren die gleiche 325 Kilometer lange Route von  Winterswijk mit einer Übernachtung in der Nähe von Winterberg im Hochsauerland wählen. Bei Winterberg hatten sie einen kurzen unfreiwilligen Zwischenstopp, weil sie von einer Polizeistreife per Lautsprecher zum Anhalten aufgefordert wurden. Ein LKW-Fahrer hatte den Ordnungshütern per Telefon mitgeteilt, da seien „sehr gefährliche Fahrzeuge auf der Straße unterwegs“. Nach einer kurzen Inspektion stellten die Beamten aber fest, dass es keine Bestimmungen in der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung (StVO) gäbe, nach denen Velomobile vom Straßenverkehr auszuschließen seien, sofern ihre Ausrüstung die für Fahrräder gültigen Bestimmungen nicht verletze.

 

Bild 1: Ankunft vor dem Alten Forsthaus im Wald am Dünsberg

Als letzter traf am späten Abend Herbert Schwarzer aus Bayern ein. Er hatte allerdings auch die bei weitem größte Tagesetappe hinter sich. Nach dem Start mit seinem Quest um 6 Uhr morgens erreichte er nach 425 Kilometern um 21.30 Uhr Biebertal, wobei er unterwegs auch noch eine Panne beheben musste. Seine Kondition kommt nicht von ungefähr, denn er fährt täglich ganzjährig mit seinem Velomobil zw. München-Garching (60 km) und Augsburg zur Arbeit.

Die weiteste Anreise hatte aber das Ehepaar Mary Arneson/Dale Hammerschmidt. Die beiden engagierten Cab-Bike-Fahrer von der Minnesota Human Powered Vehicle Association waren extra zum Treffen in Biebertal über den „großen Teich“ geflogen. Auch Chen Dingwu aus Shanghai, der z. Zt. die Europäische Entwicklung von Pedelecs begutachtet, besuchte die Veranstaltung, um mehr über Velomobile zu erfahren.

Margitta Hoffmann vom Cab-Bike-Team (<cab-bike.com>) hatte mit ihren Helferinnen wieder die Hauptlast der Organisation auf sich genommen und dafür gesorgt, dass die fast fünfzig Teilnehmer(innen) mit schmackhaftem Essen üppig versorgt wurden. Für gute Stimmung unter den Teilnehmern bedurfte es keines besonderen Anreizes. Viele kennen sich bereits von früheren Treffen. Mit Erzählen und Gedankenaustausch über alles, was Velomobilisten interessiert, verging der Abend wie im Flug.

Velomobiel.NL hat einige Änderungen am Quest vorgenommen, die ab sofort wirksam sind. Das Hinterrad ist auf 26“ vergrößert und der Radkasten entsprechend angepasst worden. Dadurch wurde es möglich, auf das Zwischengetriebe zu verzichten und dadurch den Getriebewirkungsgrad leicht zu steigern. Außerdem wurden Änderungen an der Verstellung für den Sitz vorgenommen, so dass dieser nicht nur flacher oder steiler gestellt werden, sondern auch angehoben oder gesenkt werden kann. Die einarmige Hinterradschwinge erlaubt einen schnellen Reifenwechsel.

Auch die neue Leitra-Sport (<leitra.dk>), eine gegenüber der Normal-Leitra leicht verlängerte Version, die durch Versuche an Modellen im Windkanal in eine aerodynamisch günstigere Form gebracht werden konnte, wurde aufmerksam begutachtet.

Bild 2: Velomobil-Lindwurm auf der Fahrt nach Gießen

Kühl war es und der Nebel war von der Sonne noch nicht aufgesaugt, als sich am Samstagmorgen ein etwa 200 Meter langer Velomobil-Lindwurm in Richtung Gießen in  Bewegung setzte (Bild 2). Die gemeinsame Ausfahrt war wie immer erster Programmpunkt. 19 Quests, 11 Cab-Bikes, 5 Alleweder (<alleweder.de>), 3 Mangos, 3 Leitras, 1 Versatile (<flevobike.nl>), 1 Leiba (<leiba.de>) und 4 unverkleidete Dreiräder waren eine eindrucksvolle Demonstration für bequeme Fortbewegung mit eigener Muskelkraft. Leider gab es im Einkaufszentrum von Gießen nicht genug Platz für die Aufstellung der Velomobile, so dass sie auf dem zwar sehr schönen, aber leider nicht besonders publikumsträchtigen Platz vor dem Alten Zeughaus aufgestellt werden mussten (Bild 3).

Bild 3: Aufstellung aller 47 Teilnehmer(innen) vor dem Alten Zeughaus in Gießen

Nach einem kurzen Empfang mit Imbiss und Getränken im Alten Schloss ging es zurück zum Fuße des Dünsbergs, wo Reinhold Schwemmer von Cab-Bike wieder eine Strecke für einen Bergsprint ausgesucht hatte. Im Vergleich zum Vorjahr war sie mit 1,4 km etwas länger und wies mit 77 m Höhenunterschied auch einen größeren Höhenunterschied auf, wobei zwei besonders steile Passagen mit bis zu 20% Steigung bei leicht rutschiger Fahrbahn besondere Knackpunkte waren.

Mit 4.36 Min. war Ymte Sijbrandij mit seinem Quest wieder unangefochten Sieger (Bild 4). Auf den zweiten Platz mit 4.58 Min schob sich Gerd Janß mit seiner Leitra. Den dritten Platz mit 5.07 Min nahm Theo van Andel mit Quest ein. Die beiden Niederländerinnen Danielle van de Waart (7.00 Min) und Swanette Tempelman (7.19 Min), beide mit Quest, landeten vor vielen männlichen Teilnehmern im guten Mittelfeld.

Bild 4: Nach seinem Sieg beim Bergsprint fährt Ymte Sijbrandij die Strecke noch einmal ab,

diesmal allerdings mit zwei kleinen Passagieren

Nach dieser anstrengenden sportlichen Einlage schmeckte der Kaffee im Alten Forsthaus umso besser. Bis zum Abendessen stand aber noch der dritte traditionelle Programmpunkt an, die Vorträge.

German Eslava von Cab-Bike hatte das Ehepaar Rohloff (<rohloff.de>) für einen Vortrag über das Thema „Wirkungsgrad im Antriebsstrang von Fahrrädern“ gewinnen können. Bernhard Rohloff berichtete kurz über die Zeit von der Entwicklung der 14-Gang-Nabe Speedhub und ihrer Markteinführung Mitte der neunziger Jahre und kam dann zum eigentlichen Thema, dem Zusammenspiel von bestem Muskelwirkungsgrad und Gangabstufung. Wesentliche Inhalte seiner Ausführungen kann man inzwischen auch als Internet-Veröffentlichungen lesen. Doch es ist etwas ganz anderes, wenn die Zuhörer ihre Fragen und kritischen Anmerkungen vor Ort mündlich mit dem Hersteller ausdiskutieren können. Und diskutiert wurde ausführlich an diesem Abend, wobei Frau Rohloff, etlichen Anwesende bereits als kompetente Service-Beraterin aus Telefongesprächen bekannt, sich immer wieder vermittelnd und klärend einschaltete.

Hannes Neupert, Gründer und Präsident von ExtraEnergy, hatte das zweite Referat des Tages übernommen. Er stellte seine 1993 gegründete Gesellschaft vor, die sich als international tätiger „Motor“ für die Verbreitung von leichten Elektrofahrzeugen versteht und Verbraucher, Händler, Hersteller, Stadtverwaltungen und Firmen mit starkem sozialem Engagement miteinander ins Gespräch bringen will. Danach berichtete er über einige Projekte wie z. B. die Entwicklung eines neuen Fahrrades für Postzusteller, das mit elektromotorischer Unterstützung betrieben werden soll. Dabei geht es nicht nur darum, das Rad selbst und seinen Hilfsantrieb zu entwickeln, sondern auch die für den Betrieb notwendige Infrastruktur wie Akkumulatoren und Wechselstationen für Akkumulatoren zu schaffen.

Im dritten Vortrag berichtete Mary Arneson über den Stand der Benutzung von Alltagsvelomobilen in den U.S.A. und Kanada. Nach ihren Ausführungen gibt es mehrere Gründe dafür, dass Europa einen deutlichen Vorsprung hat. Neben den niedrigen Energiepreisen in ihrer Heimat ist es vor allem die einseitig ausgerichtete Verkehrsinfrastruktur, die der Fortbewegung mit eigener Muskelkraft kaum Rechnung trägt. Radfahrer und Velomobilisten sind fast ausschließlich auf Straßen angewiesen, auf denen Autos dominieren.

Nach einem (für einige Teilnehmer ziemlich ausgedehnten) gemütlichen Beisammensein verabschiedeten sich alle am Sonntag nach dem Frühstück, wie immer in der Hoffnung, dass Cab-Bike auch im nächsten Jahr wieder ein solches Treffen organisieren werde.